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letzte Aktualisierung am 13.08.10

 

 

Schmetterling

Saitenzart, Jg. 1951, aus Berlin

Zur Unzeit

Schmetterlinge sind Sommergesellen. Vor einigen Jahren aber, es war Anfang Januar, wurde ich von einem dieser zarten Wesen überrascht. Meine Fensterbank mit den dort überwinternden Grünpflanzen musste dringend von welken Blättern und Staub befreit werden. Ich hatte fast alles abgeräumt, als ich den kleinen braunen Falter sah. Er stand mit zusammengelegten hochaufgerichteten Flügeln neben einem der Tonuntersetzer. Vorsichtig pustete ich ihn an. Er bewegte sich. Ich stupste ihn und sachte öffnete er seine Flügel. Gleich klappten sie wieder zusammen. Hatte der kleine Gesell den Winter überlebt oder gehörte er zu denen, die frühzeitig ihre Metamorphose beenden?. Von was hatte er sich die letzten Wochen ernährt? Meine Pflanzen blühten nicht. Wo hatte er Nektar gefunden? Behutsam arrangierte ich die Blumentöpfer wieder im Fenster. Auf einem Teelöffel verrührte ich ein wenig Honig mit Wasser. Es verlangte einiges Geschick, um den Löffel in der Nähe des Schmetterlings sicher zwischen
den Pflanzen abzulegen. Er musste sich nur ein bisschen recken, um daran zu kommen. Und siehe da: Mein Wintergast rollte seinen feinen Rüssel aus, ließ auch wieder seine braunen Flügel mit blauen Punkten sehen und sog ziemlich lange an dem süßen Gemisch. Als er nicht aufhören wollte zu naschen, wurde mir bange. War er am Honig festgeklebt oder an zuviel Zucker gestorben? Ich mochte ihn nicht anfassen, denn das könnte Schuppen und Häkchen auf seinen Flügeln brechen. Am nächsten Morgen hatte er seinen Rüssel eingerollt. Also tat sich was. Bald stellte sich heraus, dass er Zeiten fürs Saugen und Zeiten fürs Träumen hatte. Aber niemals bewegte er sich von der Stelle. Ende Februar war er umgefallen, lag einfach da. Es half kein Pusten und Stupsen. Er war mausetot. Ich trug ihn auf den Balkon und bettete ihn in einem Blumenkasten zur letzten Ruhe, mein Frühchen oder Methusalem.