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letzte Aktualisierung am 15.07.06

 

 

Nane
Warum ich auf "Wunderheilung" zunächst verzichten würde

Zu diesem Thema schreibe ich mal eine kurze Einleitung, für die die das Thema nicht im Forum verfolgt haben. Dort wurde folgende Frage zur Diskussion gestellt: Wenn morgen eine Wunderpille auf den Markt käme, die den Lupus quasi über Nacht heilen könnte, Nebenwirkungsfrei, die Kosten würde die Kasse tragen. Natürlich wäre das ein Idealfall und meines Wissens gibt es so was auch nicht. Aber: Würdet ihr sie schlucken, wenn es sie gäbe?

Nane's Bericht:
Bei mir begann der Tanz mit dem Wolf vor sieben Jahren. Da hatte ich gerade meine eigene Firma begonnen, stand mitten im Leben, wollte meine langjährige Berufserfahrung für mich nutzen mit etwas Eigenem. Die Schwierigkeiten der Vergangenheit hatte ich unter den Füßen, ich konnte täglich 14-15 Stunden (sechs Tage die Woche) problemlos arbeiten, baute voller Selbstvertrauen in mein Können und meine Kraft an meiner Zukunft, pflegte wichtige Geschäftskontakte, meine Kundenkartei wuchs vor allem durch Mundpropaganda und es sah so aus, als hätte ich eine Marktnische gefunden, in der sich zwar keine Reichtümer ansammeln, aber durchaus ganz gut Leben ließe.

Dann kam der Wolf, schleichend, leise, rücksichtslos und innerhalb von zwei (!) Jahren, änderte sich alles so radikal, dass ich nun berentet bin und wirklich ALLES verloren habe. Firma, Kontakte, Geschäftsbeziehungen, Kollegen, Bekannten- und Freundeskreis hat sich sehr verkleinert, mein Leistungsvermögen ist ca. Null u.s.w. Ich denke, eure Phantasie und eigene Lebenserfahrung kann euch selbst sagen, was alles den Bach runter geht und ich lag daneben und konnte NICHTS dagegen tun :'(. Es hat sehr lange gedauert, bis ich mit der völlig veränderten Situation einigermaßen klar gekommen bin und noch heute gibt es vieles, was ich durchtrauere.

Z.B. habe ich Leistungssport gemacht über lange Jahre hinweg. Kürzlich war ich beim Kardiologen, der meinte grinsend beim Belastungs-EKG, ich wäre nicht besonders sportlich. Auf meinen Hinweis, ich hätte Leistungssport gemacht, entgleisten ihm die Gesichtszüge und er meinte ganz still und leise, dass davon nichts mehr übrig sei. Er wirkte geschockt.

Von voller Aktivität hinunter dahin, dass ich tagelang zu schwach bin überhaupt aufzustehen und mir einen einfachen Tee zu machen, meine Wohnung nicht mehr ohne Hilfe oder nur unter großen Mühen in Ordnung halten kann, Zeiten habe, in denen ich nicht einmal den kurzen Weg zum Hausarzt zu Fuß bewältige.

Jetzt habe ich mich so weit wieder gefangen, dass ich mit dem Lupus einigermaßen leben kann. Einiges habe ich mir neu aufgebaut, vieles noch nicht verarbeitet - da hilft mir zur Zeit eine Psychologin dabei.

Ich habe immer noch das Gefühl, dass meine Zukunft über Nacht zerstört wurde durch den Wolf und auch teilweise durch Unfähigkeit der Mediziner, die mich lange Jahre nicht ernst genommen haben. Ich kämpfte viele Jahre einen verzweifelten Kampf und habe ihn so vollständig verloren, dass ich mich wundere, überhaupt noch zu leben.

Ich bin nun sieben Jahre älter, finanzielle Polster kenne ich nur noch vom hören-sagen, mein berufliches Wissen ist in jeder Hinsicht veraltet, Geschäftsbeziehungen bestehen keine mehr. Genauso wie sich Können und gute Leistung rumspricht, spricht sich auch alles andere rum. Auf dem Arbeitsmarkt hätte ich derzeit keine Chancen, es hat sich so vieles verändert. Würde meine Berentung (durch "Wunderheilung") aufgehoben, müsste ich von Sozialhilfe leben, würde auf dem Arbeitsmarkt als schwer vermittelbar rumdümpeln und wieder hätte ich das Gefühl, alles was ich mir mühsam unter Tränen und Schmerzen erkämpft und aufgebaut habe, bräche erneut zusammen und ich müsste wieder von vorne anfangen.

Ich bin nicht mehr 25 Jahre alt, auch nicht mehr 30 oder 35 und ich habe nicht mehr das Selbstvertrauen, zum vierten Mal bei Null anzufangen, mich wieder hochzuarbeiten. Ich bin einfach nur dankbar, dass ich inzwischen wieder ein bisschen besser zurecht komme, es wieder den ein oder anderen Bereich mit Lebensqualität gibt, sich der Wolf hin und wieder mal durch Kraulen zur Ruhe bringen lässt und nicht gleich die Zähne fletscht oder gar beißt.

Auch wenn Lupus nun wirklich nicht erstrebenswert ist, gibt er mir doch ein wenig Sicherheit insofern, dass es etwas ist, indem ich mich im Laufe der Entwicklung wieder etwas zurechtgefunden habe und vor allem auch durch die inzwischen gute ärztliche und psychologische Hilfe. Ich bin dankbar, dass es in unserem Land die Möglichkeit der Berentung bei Erwerbsunfähigkeit gibt. Es ist nicht viel, was ich im Monat zur Verfügung habe. Wenn irgendetwas im Haushalt kaputt geht, habe ich ein Problem. Urlaub kann ich nicht machen und Luxus ist für mich, wenn ich mal Essen oder ins Kino gehe. Möchte ich mir gerne ein Buch leisten, dann schaue ich im Antiquariat danach und Kleidung ist etwas, was auf meiner Weihnachts- oder Geburtstagswunschliste steht. Aber durch die Rente bin ich unabhängig und ich arbeite unablässig darauf hin, irgendwann vielleicht mal körperlich und vor allem seelisch so stabil und tragfähig zu sein, dass ich irgendwo ehrenamtlich ein paar Stunden in der Woche mitarbeiten kann.

Nane