Senta, Jg. 1958

Noch auf der Suche

Vor 14 Monaten kam ich nach einem grippalen Infekt (?) nicht mehr richtig „in die Gänge“. Ich hatte einen richtigen Leistungsknick, meine Gelenk- und Glieder- und Kopfschmerzen gingen – auch nach drei Wochen Krankschreibung – nicht weg. Da ich da schon ahnte, dass mir Ruhe nichts bringt, bin ich wieder arbeiten gegangen. Aber ich fühlte mich immer noch, als ob ich eine Grippe mit mir herumschleppte. Meine damalige Hausärztin meinte, sie sei nach einem langen Arbeitstag auch erschöpft. Als mir das sechs Wochen später beim Blutabnehmen die Arzthelferin auch „steckte“, kannte ich die Meinung in der Praxis über mich. Bis August habe ich mich noch mit der Ärztin rumgequält, eine leichte Anämie und eine Struma wurden festgestellt. Aber meine Erschöpfung und die Schmerzen gingen nicht weg. Meine Symptome entwickelten sich wie von Antje beschrieben (Erschöpfung nach kleinsten Handarbeiten und Über-Kopf-Arbeiten, gewisse Steifheit in der Mimik , Schluckbeschwerden, Gegenstände fielen mir einfach aus der Hand).
Ich wechselte die Hausärztin. Der erste Verdacht war Alzheimer oder MS. Beim MRT wurden Verschlüsse der kleinen Blutgefäße im Gehirn festgestellt. Der Radiologe meinte, ein paar hätte jeder, aber ich hätte zuviel davon. In seinem Bericht hatte er dann den Verdacht auf Vaskulitis, Bindegewebserkrankungen u. ä. geäußert, weil Herzrhythmusstörungen und Zuckerkrankheit als Ursachen ausgeschlossen werden konnten. Aber meine Laborwerte ergaben lediglich grenzwertige ANA-Titer und eine gesprenkelte Kernfluoreszenz (Bemerkung vom Labor: Diese Muster tritt bei SLE oder Syst. Sklerose auf). Da wo es an den Extremitäten schmerzte, zeigten sich immer blaue Flecken. Als ich das meiner Ärztin zeigte, meinte sie, dass man so etwas ja auch in meinen Kopf gefunden hätte. Darauf fiel mir erstmal gar nichts ein. Aber ihr: Bei der Fülle meiner Beschwerden, müsste ich eigentlich jammern und heulen, da ich dies nicht täte, habe ich vermutlich eine Depression. …
Daraufhin ging es zur Untersuchung beim Neurologen und zum Leistungstest beim Psychologen. Auch ich wurde als kooperativ, der Situation angepasst, aber angespannt eingeschätzt. Da ich versuchte meine Schmerzen und Beschwerden genau und konzentriert zu schildern, schrieb die Neurologin ich sei auf meine Schmerzen fixiert ! Wegen Stress-Symptomen (Konzentrationsschwierigkeiten, Wortfindungsschwierigkeiten und schlechter werdendem Kurzzeitgedächtnis) empfahl sie mir autogenes Training. Der Höhepunkt des Gespräches war der Satz, dass nach 1 Jahr eine MRT-Kontrolluntersuchung gemacht werden sollte, aber selbst wenn in der Zwischenzeit ein paar Verschlüsse hinzukämen, mein IQ sei so hoch , dass ich damit genug Ausgleichspotential hätte! Na, wie beruhigend! (Nur geht meine Chefin mit meinen Ausfällen und Konzentrationsschwierigkeiten nicht so locker um.) Die Psychologin in der gleichen Praxis meinte, ich sei eine starke Persönlichkeit und sollte selbst überlegen, ob ich eine Gesprächstherapie wolle. Im Bericht stand hernach „Pseudo-Demenz“, sprich Depression (und einiges, was ich wirklich so nicht gesagt habe.)
Zurück zur Hausärztin überwies diese mich zur Rheumaärztin, es könnte ja doch ein Lupus sein, weil eine Fibro ausgeschlossen werden konnte. Zwischenzeitlich wurden bei mir ein zu schneller Herzschlag und trockene Augen festgestellt. Als meine Unterkiefer unerklärlich anschwollen, meinte meine Zahnärztin, dass es nicht von den Zähnen käme und sie mir nicht helfen könnte. Den Satz kannte ich zur Genüge. Sie schob dann noch die Geschichte der undiagnostizierten Krankheit ihrer Schwiegermutter hinterher.
Dermaßen aufgebaut ging ich zum Abschlussgespräch zur Rheumaärztin. Die meinte bei der ersten Urinentnahme hätte ich Eiweiss im Urin gehabt. Dann nicht mehr. Alle Werte (auch ANA-Titer) seien grenzwertig oder knapp über normal (Blutsenkung). Und wirklich gefunden hat sie nur erniedrigtes C4-Komplement. Sie meinte im Augenblick sieht es nicht nach einer rheumatischen Erkrankung aus, aber solche Blutwerte seien ja immer nur eine Momentaufnahme. Sie wollte mich eigentlich loswerden. Aber ich wollte so dort nicht rausgehen. Deshalb erzählte ich ihr die Sachen mit dem Zahnfleisch, den trockenen Augen und zu schnellem Herzschlag, dass ich eben wieder einen grippalen Infekt wie am Anfang meiner Odyssee hatte. Dafür dass ich so gar keine Entzündung haben soll, hat mir das Ibuprofen super (auch gegen meine Morgensteifigkeit) geholfen. Und wohin soll ich denn noch gehen, wenn im Juli der Radiologe weitere Verschlüsse im Kopf findet??? Danach durfte ich in einem halben Jahr wiederkommen, Schmerzmittel könnte ich ruhig nehmen, aber vielleicht etwas anderes als Ibuprofen. Sie wird das meiner Hausärztin mitteilen. Und sie forderte mich auf zu walken ! Ich dachte „Die hat sie wohl nicht alle! Mir geht es schlecht!“
Irgendetwas hat mich dann doch dazu gebracht loszulaufen. Bei den ersten Malen konnte ich nicht länger als 5 Minuten gehen, dann bekam ich Schmerzen und glaubte, kein Stück mehr weitergehen zu können. Alle weiteren Versuche brachten längeres Durchhalten. Ich walke jetzt – in guten Zeiten – dreimal in der Woche eine Stunde. Gleich in der Nähe ist ein herrlicher See, um den immer Leute walken oder joggen. Das ist wie Urlaub! Wenn ich gehe, fühle ich mich trotz der Schmerzen nicht krank und tanke Kraft für die schlechteren Zeiten und für die Arztbesuche. Ich teile mir meine Arbeit so ein, dass ich nach dem Walken lange Ruhephasen habe und staune, wie viel Zeit man übrig haben kann und in wie viel sinnlose Dinge ich wohl früher meine Zeit investiert habe. Ich will damit aber nicht sagen, dass es jedem hilft, durch die Gegend zu laufen. Das muss jeder selbst herausfinden.
Zum Schluss noch der Satz vom Kardiologen: „Wenn jemand so eine Latte Ärzte braucht wie Sie und kriegt seine Probleme trotzdem nicht gelöst, dann hat das psychische Ursachen. Das ist so!“ Bei dem Knaben hatte ich nach meinen „Walkerfolgen“ noch mal eine Kontrolluntersuchung. Ich hoffe, dass ich dort irgendwie vermitteln konnte, dass ich meinen Anteil zur Verbesserung meiner Gesundheit bringe und dann erwarten kann, dass meine Ärzte mich auch ernst nehmen.

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